>THEMEN

Ishvara Pranidhana

Die Yogaphilosophie Patañjalis unterscheidet zwischen Prakrti, der Materie, zu der alles bis zur feinstofflichen Energie gezählt wird, und Purusha, dem passiven Beobachter, der nicht der Wandlung unterworfen oder in Handlungen verstrickt ist. ‘Ishvara‘ ist in Patañjalis Yogaphilosophie der von keiner mentalen Bewegung (Vritti) und keiner aufwühlenden Emotion (Klesha) verdunkelte ‘Modell-Purusha‘, oder Paramguru (Ur-Guru).

Er ist allwissend und der Ursprung allen Wissens. [Sutra 1.25] […] Seine Fähigkeit zu verstehen, ist grenzenlos. Sie geht weit über jedes menschliche Verständnis hinaus […] Er ist der allererste Lehrer, die Quelle, die alle Lehrer leitet; dies gilt für die Vergangenheit, für die Gegenwart und die Zukunft.1

Der Glaube an Gott ist für Patañjali keine Notwendigkeit auf dem Yoga-Weg. Die Hingabe an Gott oder das Gefühl, an einem allumfassenden, universellen Bewusstsein teilhaftig werden zu können, ist aber eine Möglichkeit, mentale Verwirrung und emotionale Unruhe zu verringern. ‘Ishvara Pranidhana‘ kann, so der Autor Heinz Krug, als eine Art ‘Interface‘ verstanden werden, mit dem wir dieses universelle Bewusstsein ‘anzapfen’ können, wenn wir uns im geeigneten Zustand (in Samadhi) befinden.

Anrufung: OM

Wie können wir uns an Gott wenden? Wir können Gott in einer Weise anrufen, die für uns seine Qualitäten am besten widerspiegelt. […] In der indischen Tradition […] drückt sich die Qualität Gottes durch den Laut OM aus. Entscheidend ist es, dass wir einen Ausdruck finden, Gott mit Respekt und mit Demut zu begegnen, ohne in Konflikte zu geraten.”2

Ishvara wird durch Pranava, die mystische Silbe OM, angerufen. In Sutra 1.28 empfiehlt Patañjali deshalb, diese Silbe so oft wie möglich zu wiederholen und auf ihre Bedeutung zu meditieren.

Die Wiederholung des Symbols OM und die Kontemplation über dessen Gegenstand – Ishvara – richtet den Yogi mental auf einen Punkt aus [‘Ekagra‘], wenn er sich mit der Wiederholung des Symbols beschäftigt und über seine Bedeutung nachdenkt.”3

Meditation auf das Herzzentrum

Eine andere Möglichkeit, Ishvara Pranidhana zu praktizieren ist, auf das Herz zu meditieren. Mit dem Begriff ‘Herzzentrum‘ ist in der Yoga-Praxis nicht das anatomische Herz gemeint ist, sondern jener weiche, empfängliche Bereich hinter dem Brustbein. Hier sind Gefühle wie Liebe, Freude, aber auch Trauer oder Verlustangst zu spüren. Wenn es durch Konzentration auf die lange Ausatmung ‘geöffnet’ wird, entsteht ein Gefühl der umfassenden Weite.

Diese Region ist das Zentrum des auf den eigenen Körper bezogenen Ich-Sinns. Das Gehirn ist zweifellos das Zentrum mentaler Handlungen, aber wenn die mentalen Bewegungen eine Zeitlang angehalten werden, kann man fühlen, dass der Ich-Sinn zum Herzen hinunterwandert. […] Wenn der Geist des Übenden nach einiger Zeit ruhig und unbekümmert wird […], dann sollte er sich in seinem Herzen einen transparenten, weißen, grenzenlos leuchtenden Himmel vorstellen.

Im Wissen, dass der allgegenwärtige Gott diesen Raum durchdringt, sollte der Übende dann darüber nachdenken, dass sein Ich-Sinn, d.h. sein ganzes Selbst in Gott ruht, der im Herzen gegenwärtig ist. Der nächste Schritt wäre, seinen Verstand mit dem Verstand Ishvaras zu verschmelzen, der in jenem leeren Raum in seinem Herzen wohnt, und in einem Zustand der Kontemplation ohne jede Sorge und Überlegung zu ruhen.4

Hin-Gabe

Pranidhana‘ bedeutet ‘Hingabe‘, ‘Ergebung‘, ‘Verehrung‘. ‘Pranam‘ heißt auch die Ehrerbietung, ‘Dana‘ bedeutet ‘Gabe‘. Ishvara ist jedoch kein Schöpfergott, der mit Opfergaben ‘bestochen’ werden kann und an den der Yogi die Verantwortung für seine Handlungen abgeben kann. Was allerdings ‘geopfert’ werden sollte, ist der Ehrgeiz oder die Sorge um mögliche Misserfolge.

Der Yogi sollte so wenig an die Ergebnisse seinen Handlungen denken, dass schließlich jede seiner Handlungen zur Gabe wird. Oft sind wir dagegen so sehr auf ein Ergebnis fixiert, dass alles was uns in den Weg kommt, zum Hindernis oder Mittel zum Zweck wird. Die Qualität der Handlung scheint dann nebensächlich.

Vairagya und Abhyasa

Nicht nur ‘Ishvara Pranidhana‘, auch ‘Vairagya‘ (die Fähigkeit loszulassen), wirkt dieser Fixierung auf die Ergebnisse unserer Handlungen entgegen. Die verengte Ausrichtung auf die Ergebnisse ist leider oft eine Nebenwirkung unserer angestrengten Konzentration auf eine Aufgabe. Damit die Übung des ‘mentalen Upgrades‘ (‘Abhyasa‘) gelingt, braucht es, so T.K.V. Desikachar, das Loslassen von einengenden Perspektiven und hinderlichen mentalen Konzepten (‘Vairagya‘).

Wenn ein Mensch schließlich durch Vairagya immer weniger von Verlangen bestimmt wird, “enthüllt sich vollkommen sein wahres Wesen [Sutra 1.16]. Je offener und klarer der Blick für unser eigenes Selbst wird, […] desto mehr entwickelt sich [wiederum] die Fähigkeit, loszulassen. Diese Form der Freiheit können wir nicht erzwingen, indem wir Wünsche und Verhaftungen einfach ignorieren oder unterdrücken. Tun wir das, so können wir uns sicher sein, dass diese Kräfte Wege finden werden, sich wieder bemerkbar zu machen.”5

Sowohl Vairagya, als auch Ishvara Pranidhana helfen dem Yogi, mentale und emotionale Hindernisse (Kleshas) auf dem Yoga-Weg zu überwinden. T. K. V. Desikachar definiert Ishvara Pranidhana als ‘das Annehmen unserer eigenen Begrenztheit im Vergleich zur Allwissenheit Gottes‘. Für Atheisten oder Agnostiker könnte dies etwa bedeuten, zu erkennen, dass das Ego uns immer nur erlaubt, einen winzigen Ausschnitt vom Gesamtzusammenhang zu sehen.

Mystik

Die Mystiker im Christentum und die Sufis im Islam stellen die Hingabe an Gott ins Zentrum ihrer Existenz:

Hingabe ist die eine Übersetzung des Wortes Islam, Unterwerfung die andere. Der arabische Begriff Islam (islam) leitet sich von […] aslama (‘übergeben’, ‘sich ergeben’, ‘sich hingeben’) ab und bedeutet mithin ‘Unterwerfung (unter Gott)’ oder eben ‘völlige Hingabe (an Gott)‘.”6

In der emotionalen Erfahrung der mystischen Ekstase fallen alle Glaubensunterschiede und Dogmen zusammen. So finden sich im Sufismus auch Einflüsse der Yoga– und Tantra-Philosophie. Darüber hinaus zeigt sich, dass zwischen Patanjalis Begriff ‘Isvara Pranidhana‘ und dem Sufismus tatsächlich ein Zusammenhang bestehen könnte:

Jenseits von Dogmen

Patanjali’s Yoga-Sutra soll von Al-Biruni im 11. Jahrhundert ins Arabische übersetzt worden sein. Auch Tantra-Techniken wurden von den Sufis angewendet, um in die kosmische Energie einzutauchen:

Einige der Sufi-Bruderschaften (wie die Naqshbandi) sollen von den indischen Yogis die Kundalini-Methode als Mittel zur Verwirklichung ersonnen oder vielmehr geliehen haben.”7

Mystiker sind gleichzeitig im Zentrum des Religiösen und am Rand. Sie glauben nicht an religiöse Dogmen, sondern verbinden sich direkt, ohne ideologische Umwege mit Gott. Dieser ist für sie keine transzendente Instanz, sondern reine Immanenz. Alles ist durch die göttliche Liebe miteinander verbunden. Gott ist für die Mystiker diese grenzenlose Liebe und nur durch sie erreichbar.

Aufhebung der Vereinzelung?

Angesichts des Bewusstseins der Endlichkeit erwacht das Verlangen, die schmerzende Erfahrung des Begrenzt seins zu überwinden und aus der Einsamkeit der Vereinzelung auszubrechen. Die Religion beruht auf der Erfahrung der Vereinzelung und dem Verlangen nach deren Aufhebung. […] Das Leiden am Endlichen kann durchaus das Leiden an jener Grenze sein, die mich vom Anderen trennt, die nur durch Herstellung einer besonderen Kontinuität zu überwinden ist, [die] […] eine andere Struktur auf[weist] als jene Kontinuität des Selbst, die die [politische] Macht herstellt. […] Nicht die Macht, nicht die Rückkehr-zu-sich, sondern der Aufbruch zu einer grenzenlosen Offenheit verspricht das Heil.”8

Eine Person, die von Macht besessen ist, neigt dazu, aus ihrer Einsamkeit auszubrechen, indem sie ‘die Sphäre des Selbst erweitert‘. Die ‘Macht’, die das Ego ‘will’, ist hauptsächlich durch den Wunsch gekennzeichnet, zu dominieren und zu kontrollieren. Der Mystiker hingegen möchte das grenzenlose Kontinuum und die unendliche Offenheit des Seins erfahren, möchte sich mit allem verbunden fühlen.

Die enge Perspektive der Selbstbezogenheit öffnet sich durch die mystische Hingabe zu einer Perspektive, die durch Mitgefühl für alle Lebewesen gekennzeichnet ist. Auch wenn sich Mystiker phasenweise aus dem weltlichen Getriebe zurückziehen, ist dieses Sehnen der Seele nach Grenzüberschreitung, dem sie statt geben, alles andere als machtlos. Da sich das Selbst in dieser mystischen Hingabe gerade mit der Quelle aller Möglichkeiten, der Quelle der Intuition, Inspiration, und der Siddhis verbindet: mit Brahman.

Ausblick ins Unendliche

Der Mystiker und die Mystikerin will dieses grenzenlose Kontinuum, diese Offenheit des Seins erfahren. Der/die Machthungrige versucht hingegen eher, durch die ‘Erweiterung der Sphäre des Selbst‘ aus seiner Einsamkeit auszubrechen. Die enge Perspektive der Selbstbezogenheit öffnet sich durch die mystischen Haltung zu einer Perspektive, die von Mitgefühl für alle Lebewesen geprägt ist. Sie sprengt damit ideologisch gesetzten Grenzen zwischen Religionen und Ideologien.

Sobald die Seele ihren Ausblick ins Unendliche verliert, erkrankt sie, denn ihre Natur beruht darin, wachsen zu wollen. Die Seele will über sich hinaus. Findet sie zur Offenheit, dann stellt sich ganz von selbst der Zustand der Seligkeit ein. […] Das ‘Gleichgewicht’ der Seele beruht in ihrem Wachstum, also in ihrer Zunahme und Akkumulation von Macht. Wenn aber die transzendentale Quelle des Daseyns, das Brahman, versiegt. Dann geht dieser Wille zur Macht immer auf Kosten von anderen. Macht erhält sich dann nur noch so, dass sie sie anderen wegnimmt. […] Erst wenn wir über das Gleichgewicht der Vernunft [die prästabilisierte Harmonie] hinausgehen, kommen wir an jenes Tor, hinter dem sich Ananda, […] verbirgt.”9

Ideologische Grenzen überwinden

So haben sich etwa in Indien kommunistische Gruppen, Gandhianer, Neobuddhisten, Adivasi-, Naxaliten und andere Minderheitengruppen ideologisch heftig wegen der zu geltende Befreiungs-Ideologie bekämpft. Dabei sind alle diese Gruppen zeitweise den Verführungen des ‘Herrschaftsvirus‘ und der Macht-Korruption erlegen.

Seit dem Krieg zwischen Religion und Wissenschaft [in der kommunistischen Ideologie] sind die geistigen Traditionen der organisierten Religion überantwortet worden. Themen wie die Überwindung des Egos, veränderte Wertvorstellungen, die unsichtbaren Strömungen des sozialen Gewissens wurden niemals ernsthaft diskutiert. Das Konzept der ‘geistreichen Gottlosigkeit‘ muss sich erst noch formen, muss ihre vereinzelten Ströme erst noch zusammenführen. Dann wird auch ihr geistiges Potenzial strömen.10

Befreiung vom Herrschaftsvirus

Es wird Zeit, die Überwindung des Egos und die Befreiung vom Herrschaftsvirus durch mystische, begeisterte Hingabe (wie etwa die umherziehenden Baul‘-Sänger) der Sphäre der organisierten Religion und deren Moral zu entreißen.

Die Veranlassung, die Selbstsuch loszulassen, sollte nicht aus einem Schuldgefühl erfolgen. Nicht weil Selbstsucht eine “Sünde” ist. Nicht weil es ‘falsch’ ist. All diese Motivationen kommen aus einem beschränktem Bewusstsein […]. Aufgrund seiner Natur ist das kleine ‘selbst’ der Verursacher der Schuldgefühle […]. Wenn wir […] uns vom kleinen selbst zu großen Selbst bewegen, bewegen [wir] uns [gleichzeitig] […] von der Schwäche zu Macht und von Selbsthass und Kleinlichkeit zu Liebe und Harmonie. Wir bewegen uns von Anstrengung zu Leichtigkeit und von Frust zu Erfolg.”11

Schamanismus

Trotz offensichtlicher Unterschiede in Haltung und Methode, ist der Schamanismus, wie Yoga und Tantra, eine spirituelle Erfahrungswissenschaft. Die Erfahrung der Schamanen findet jedoch, anders als die der modernen, empirischen Wissenschaften, in zumindest drei Welten statt:

der Mittelwelt – der Welt der Alltagserfahrung,

der Unterwelt – der Welt der Ahnen und Erdgeister, Lokal- und Muttergottheiten, und

der Oberwelt – der Welt der Himmels- oder Hauptgötter der vorherrschenden ‘offiziellen’ Religion.

Gemäß [der nepalesischen Schamanen] wurzelt vieles, was man der Tradition der Veden, der Brahmanen, der Hindus oder der Buddhisten zuschreibt, im Schamanismus. So hat etwa die ayurvedische Heilkunst ihren Ursprung im Schamanismus. […] Selbst das Sanskrit geht zurück auf Sprachen, die auch heute noch von Ethnien [in Nepal] gesprochen werden, in denen der Schamanismus nach wie vor lebendig ist.12

Trancezustand

Während sich Yogis im Samadhi-Zustand ins universelle Bewusstsein einklinken, und dadurch übernatürliche Wahrnehmungen und Fähigkeiten (‘Siddhis‘) erlangen können, öffnen und leeren sich Schamanen im Trancezustand, um zum Medium der Götter oder Geister zu werden. Dabei verlieren aber dieJhakris‘, (wie die Schamanen in Nepal heißen), während ihrer Trance nicht ganz das Alltagsbewusstsein. Sie werden von den Gottheiten nicht vollständig besessen. Im Trancezustand wird der Schamane zum Reisenden zwischen den Welten.

Wenn wir in Trance reisen, haben wir keine Angst. Wir lassen unsere Angst auf dem Altar zurück. Dort holen wir sie uns wieder ab, wenn wir zurück sind.”13

Die Angst ist genau jene einengende Kraft, die (ideologische) Grenzen setzt und Halt sucht, deshalb muss sie bei der Entgrenzung des Bewusstseins auf dem Schamanen-Altar zurückgelassen werden.

Der Weg der Liebe

‘Der Weg der Schamanen ist der Weg der Liebe’ […] Als Heiler verfahren sie nach dem Ideal, Hass in Liebe zu verwandeln, Gier in Großzügigkeit und Ignoranz in Demut. […] Die Aufgabe, Liebe, Harmonie und Frieden in die Herzen ihrer Patienten zu bringen, die an den nagenden Giften Hass, Gier und Ignoranz erkrankten, […] erfordert die Auseinandersetzung mit unbequemen Wahrheiten und gefährlichen Widersachern. […]. Die Diagnosen, die sie in Trance stellen, und, zurück im Normalbewusstsein, den Hilfesuchenden mitteilen sind oft schonungslos.”14

Mystische Verbindung mit der Heilkraft der Natur

Durch die intensive Verbindung der Schamanen mit der Ober- und Unterwelt und durch ihr umfangreiches Wissen über die Heilwirkung von Pflanzen können sie psychische und psychosomatische Krankheiten heilen und Zusammenhänge aufdecken. So kann das Gleichgewicht zwischen den Menschen, sowie zwischen Mensch und Natur rechtzeitig wiederhergestellt werden. Dadurch können Konflikte, und manchmal sogar Seuchen oder Naturkatastrophen vermieden werden.

Tod des Aspiranten

Bevor der Aspirant jedoch zu dieser Schnittstelle zwischen den Welten werden kann, muss er oder sie den Initiationstod sterben. Meist sind die Pflanzen oder Pilze (wie Bilsenkraut, Tollkirsche, Engelstrompete, Fliegenpilz, Stechapfel, Mutterkorn) die via Trance für den Übergang in andere Welten sorgen, hochgiftig. Sie können, wenn sie auch nur geringfügig überdosiert werden, tatsächlich zum Tod des Aspiranten führen. Bei richtiger Dosierung stirbt er jedoch ‘nur’ auf seiner ersten Reise in die Ober- oder Unterwelt.

Sein/ihr Alltagsbewusstsein ‘stirbt’ auf dieser Reise. Es wird durch ein liminales Schamanen-Bewusstsein ersetzt, das von nun an zusätzlich die ‘Frequenz’ der Ober– und Unterwelt empfangen kann. Die Zweimal-geborenen können dann zwischen den Frequenzen ‘umschalten’, wie mit einem Weltempfänger.

Topografie des Jenseits

Es ist die Kunst des Schamanen, den Trancezustand bewusst herbeiführen und steuern zu können. Die Topografie der jenseitigen Welten ist kulturell bis ins letzte Detail vorgegeben. […] [Die Schamanen] wissen aus welcher Welt sie welche Signale empfangen wollen und welche ihnen hilfreich sind, bei der Reise durch die drei Welten. So kann es geschehen, dass sie inmitten ihres Fluges durch die Unterwelt ihren Patienten befragen, um wichtige Informationen zu erhalten, die ihre Entscheidung erleichtern, welchen der sieben Tunnel sie nehmen oder welchen Hilfsgeist sie befragen sollen.”15

Da für diese neue Empfänglichkeit auch die Sinne des Körpers transformiert werden müssen, wird der energetische Körper des Schamanen in der Unterwelt ‘zerstückelt’. Er wird durch Einwirkung von Hitze im ‘Schamanenkessel‘ alchimistisch geschmolzen und vom ‘Demiurgen‘ neu zusammengesetzt.

Mystische Katharsis?

Wenn sich der Körper schüttelt, weil er die einströmenden Gefühle nicht mehr kanalisieren, nicht mehr zähmen kann, wenn er sich windet und weint und lacht, oder wenn all dies nur innerlich geschieht, dann ist dies ein Zeichen, dass die Welt erfahren wird in Haltlosigkeit – kein Chaos, sondern Klarsicht. Denn die kochenden Gefühle erhitzen den gesamten Menschen, lassen seinen Geist heiß werden bis er überkocht, und in diese augenblicklich eingetretene Leere das Wissen um die Dinge eindringt.”16

In Trance sind die Schamanen an eine Quelle der Kraft angeschlossen, die sonst nur in Extremsituationen wie der schizophrenen Manie zur Verfügung steht.

Schamanismus in Europa

Auch wenn der Schamanismus von der katholischen Kirche später verfolgt und nahezu ausgelöscht wurde, war er auch in Europa kein exotisches, fremdes Phänomen. Die Mystik des antiken Griechenland war schamanisch geprägt. Diese Einflüsse gingen von Thrakien und Skythien aus, wo der Schamanismus weit verbreitet war. Die Griechen sprachen von einem sagenhaften Volk im äußersten Norden, den Hyperboräern.

Der hyperboräische Apollo soll von dort seinen mystischen und ekstatischen Charakter erhalten haben, der sich in der Besessenheit der Pythia und den dunklen Worten des Delphischen Orakels äußerte. […] Die Seele des Mediums ist ausgetreten, um einem Gott Platz zu machen.”17

Jack Lindsay geht in seiner Anthologie ‘Clashing Rocks. Early Greek Religion and Culture and the Origins of Drama‘ von der These aus, dass die ‘Argonauten-Sage‘ und die ‘Odyssee‘ schamanische Reisen beschreiben. Auch die griechische Tragödie ist, Lindsay zufolge, schamanischen Ursprungs.

Schamanismus in Nepal und Bhutan

Schamanismus ist ein Phänomen, das nicht nur an der Schnittstelle zwischen Ober- und Unterwelt, Hoch- und Volksreligion, sondern auch zwischen unterschiedlichen Religionen steht. In Nepal geht der Schamanismus etwa eine sehr spannende Verbindung mit dem Tantrismus, Hinduismus und Buddhismus ein. Mohan L. Rai, ein Kirati Schamane aus Bhutan, hat in Kathmandu ein Institut gegründet, das schamanisches Wissen und Techniken an interessierte Studenten aus der ganzen Welt vermittelt. >’Shamanic Studies and Research Center‘.

Sein Vater war selbst ein sehr gefragter Schamane in Dorokha, Bhutan. Mohan Rai half ihm als Kind bei seinen schamanischen Seancen. Mohan Rai hatte auch selbst schon Initiations-Erlebnisse, die sehr deutlich seine Berufung zum Schamanen anzeigten. Er sollte die schamanische Tradition seiner Familie fortsetzen. Da sein Vater mit seiner Schamanischen Tätigkeit die Familie nicht ausreichend ernähren konnte, beschloss er zunächst, einen anderen Weg einzuschlagen.

Einmal Schamane, immer Schamane?

Obwohl Mohan Rai eine Zeremonie zur ‘Schließung’ seines Schamanen-Weges vollzogen hat, ließen ihn die Geister, die er in seiner Jugend gerufen hatte, nicht mehr los. Mit seinem Institut möchte Mohan Rai schamanisches Wissen erhalten, indem er es an interessierte Studenten und Anthropologen übermittelt. Mit dem Eindringen des westlichen Lebensstils bis in die abgelegensten Himalaya-Dörfer wollen immer weniger junge Menschen den materiell entbehrungsreichen schamanischen Lebensweg einschlagen. Deshalb ist der Schamanismus in Nepal langsam vom Aussterben bedroht.

Eine der ersten westlichen Studentinnen der Schamanen-Schule in Kathmandu, Ellen Winner, hat gemeinsam mit Mohan L. Rai dessen sehr wechsel-reiche Lebensgeschichte in ihrem Buch ‘Mundhum. Von Göttern, Geistern und Schamanen im Himalaya‘ festgehalten. Der individuelle Zugang zu mystischen Bereichen ist den monotheistischen Religionen suspekt. Der Einzelne könnte sich schließlich dadurch vom Dogma unabhängig machen.

Dogmatische Verfolgung

Im Gegensatz zur integrativen und entwicklungsgeschichtlich folgerichtigen Geisteshaltung von Schamanen, die sich auf die Natur bezieht, sind die Anhänger monotheistischer Religionen nicht historisch, sondern ideologisch orientiert. Ihr Gott ist der wichtigste. Er beansprucht Alleinherrschaft.18

Nicht selten kam es vor, dass katholische oder islamische Religionswächter, christliche Mystiker oder Sufis als ‘Ketzer’ oder ‘Häretiker‘ hinrichteten. Deren postulierte Einheit mit Gott empfanden als die größte Ketzerei. Der Mystiker fühlt Gott in und durch sich selbst sprechen: “Ich bin die Absolute Wahrheit.” (Husain ibn Mansur al-Halladsch, 10. Jahrhundert). Dies wurde von den Religionen, die ja darin ihre Legitimität sehen, dass sie Gott ‘vermitteln’, als Frontalangriff empfunden.

Auch Schamanen wurden verfolgt. Katholische Missionare in den Kolonien, aber auch die kommunistische Regierung in Russland und der Konfuzianismus in China versuchten, den Schamanismus auszurotten.

Sadhana

Sufis mussten ihre Praktiken unter anderem auch deshalb geheim halten, weil sie durch spirituelle Meister initiiert wurden und mit ihnen in einer Gemeinschaft lebten. Nach dem sunnitischen Islam darf aber zwischen Gott und dem Gläubigen kein Vermittler stehen.

Da es jedoch bei den Praktiken der Sufis um mehr ging, als das bloße Befolgen von Riten und Gebräuchen, und das Risiko hoch war, bei den radikalen spirituellen Techniken in die Irre zu gehen, war ein erfahrener spiritueller Meister wie im Yoga und Tantra notwendig.

Göttliche Manie

Spirituelle Erweckungs-Zustände können zu einem, der Manie ähnlichen Zustand führen, der oft als ‘göttliche Intoxikation‘ beschrieben wird. “Wenn [der Strom der unbewussten Energien] nicht klug kontrolliert wird, kann er in fieberhafter Erregung und Aktivität vergeudet werden. Bleibt der Strom der Energien dagegen zu sehr in der Schwebe und unausgedrückt, so sammelt er sich, und der hohe Druck kann zu Schädigungen führen, so wie ein elektrischer Strom eine Sicherung zum Durchbrennen bringt.19

Postmoderne Mystik?

In der heutigen Welt gestaltet sich die Hingabe an Gott, die Identifikation mit dem höheren Selbst oder das Anzapfen des universellen Bewusstseins jedoch schwieriger.

In der Vergangenheit waren […] eine einfache, aus ganzem Herzen kommende Verehrung eines Lehrers oder Erlösers, oder die liebende Hingabe an Gott oft ausreichend um die Tore, die zu einer höheren Bewusstseinsebene und zu einem Gefühl der inneren Einheit und Erfüllung führten, zu öffnen. Heute jedoch sind die vielfältigeren und miteinander in Konflikt stehenden Aspekte der Persönlichkeit des modernen Menschen mit einbezogen und müssen umgewandelt und harmonisiert werden.”20

Mit der wachsenden Zahl von Menschen, die bewusst einen Weg zu einem erfüllteren Leben suchen, nehmen heute psychische Störungen, die spirituellen Ursprungs sind, stark zu. Da verbindliche Formen der spirituellen Transformation vielerorts nicht mehr existieren, ist das Individuum in der Phase des Überganges einem Zustand der Auflösung und Hilflosigkeit – gezwungen, seine sozialen und beruflichen Pflichten fortzuführen, als wäre nichts geschehen.

Gestörte Transformation

Viele begeben sich deshalb heute in den Umkreis zweifelhafter esoterischer Heilsversprecher und Sekten. In der heutigen Welt kann sich der spirituell Suchende für diese Phase des fragilen Zwischenzustandes, der liminalen Transformation gewöhnlich nicht mehr in die Abgeschiedenheit der Natur zurückziehen.

Es überrascht daher nicht, dass diese schwierige und komplizierte Aufgabe, dieses ‘Doppelleben’, zu einer Vielzahl psychologischer Störungen führen kann, wie Erschöpfung, Schlaflosigkeit, emotionale Depression, Ausgelaugt-sein, seelische Erregung und Ruhelosigkeit.”21

Roberto Assagioli weist darauf hin, dass solche Symptome, die als Folge einer gestörten spirituellen Wandlung entstehen können, einer ganz anderen psychotherapeutische Behandlung bedürften als gewöhnliche psychische Störungen. Deshalb umfasst das Modell der Psychosynthese ein ‘höheres Unbewusstes’ sowie ein ‘höhere Überbewusstes’ oder ‘transpersonales Selbst‘.

Autorin: Eva Pudill

>LITERATUR

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