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Ist eine gewaltlose Welt möglich?

Wie kann in einer Welt von Bürgerkriegen, Terroranschlägen, populistischer Polarisierung, Menschenrechtsverletzungen, Hassreden, Verfolgung von Minderheiten, Misshandlung von Flüchtlingen, Zwangsprostitution, kapitalistischer Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, Massentierhaltung, Artensterben, massiver Entwaldung und Massenvernichtungswaffen nur irgendjemand so naiv sein, an der Möglichkeit einer gewaltlosen Welt festzuhalten?

Eine mögliche Antwort auf diese ‘realistische’ Frage kommt vom Erfinder der gewaltfreien Kommunikation, Marshall B. Rosenberg, der wahrlich keine Illusionen über die Gewaltpotenziale des Menschen hatte, da er in vielen Konfliktgebieten rund um die Welt vermittelt hat. “Wenn wir Menschen den Einfallsreichtum und die Energie aufbringen, hoch technisierte Waffenarsenale und Sicherheitssysteme zu schaffen, warum sollten wir diese Energie nicht dafür benutzen können, ein dem Leben dienendes System aufzubauen?1

Möglichkeitssinn

Der eingangs skizzierte ‘realistische’ Standpunkt ist, so die Philosophin Judith Butler, sehr weit verbreitet. Er ist jedoch nicht der einzige und noch weniger der letztgültige. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich diese Perspektive vielmehr als ‘konservativ’ – nicht in dem Sinn, dass sie den Status quo aufrechtzuerhalten versucht, sondern schlicht wegen ihrer Einfallslosigkeit und Beschränktheit.

Möglichkeiten werden von Ihnen entweder gesehen oder eben nicht. Das Unmögliche ist ein anderer Name für das nicht Gesehene. Damit verstellt Ihnen der Schatten, der Sie eine begrenzte und beängstigende Welt voller Bedrohungen und finsterer Möglichkeiten sehen lässt, den Blick auf noch nicht gesehene Möglichkeiten, die ihnen bewusst werden könnten, wenn Sie sich über den Schatten hinaus ausdehnen würden. Ohne diese Ausdehnung haben Sie zwangsläufig eine Scheuklappensicht.2

Der ‘Realitätssinn‘, wie Robert Musil diesen Mangel an Vorstellungskraft im Gegensatz zum ‘Möglichkeitssinn‘ nennt, setzt in diesem Fall voraus, dass es keine Möglichkeit für eine kollektive Bewusstseinsbildung gibt. Eine Transformation der immer noch vorherrschenden, gewalt-fördernden Strukturen kann nur von Menschen initiiert werden, die sich ihrer ‘wölfischen‘ Konditionierungen – durch Angst, Schuld- und Schamgefühle, sowie eine (ver-)urteilende Sprache – bewusst sind, und sich nicht von den vorherrschenden Paradigmen beschränken lassen.

Ein Paradigma ist eine gesamte Weltanschauung die nur durch das begrenzt wird, was wir für möglich halten. Wenn alte Sichtweisen in Frage gestellt werden, beginnt sich unser Weltbild zu erweitern. Was bisher als unmöglich galt, wird möglich und wird schließlich als neue Dimension der Realität erlebt. Es entsteht die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten, um die eigenen Glaubenssysteme zu untersuchen, Fragen zu stellen und nach neuen Lösungen zu suchen.3

Bedingungslose Liebe

Negative Gedanken und Gefühle verdunkeln – wie Gewitterwolken – nur das göttliche Licht und die bedingungslose Liebe unseres wahren Selbst. Indem wir ein einschränkendes Paradigma nach dem anderen, eine Illusion nach der anderen, eine Konditionierung nach der anderen verwerfen, wird es schließlich immer einfacher, uns der Gegenwart der göttlichen Liebe in uns bewusst zu werden.

Laut Marshall B. Rosenberg ist es diese bedingungslose Liebe, die es uns ermöglicht, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, wenn wir wirklich anwesend und mitfühlend mit ihnen sind. Dies ist selbst dann möglich, wenn wir sehr unterschiedliche Weltanschauungen haben, ja selbst dann, wenn wir in einem blutigen Konflikt auf entgegengesetzten Seiten stehen.

Wenn ich in solchen Kontexten Einfühlung gebe, erzählt mir mein Verstand: ‘Vergiss es, das wird sich niemals lösen’, aber wenn ich einfach alles tue, was in meiner Macht steht, um die Verbindung zwischen den beiden Parteien aufzubauen, dann passiert es irgendwann: Es ist wie ein Wunder. Ich bin es nicht, der das tut, ich kann diese Wunden nicht heilen […] Aber das Gute ist, dass wir selber gar nichts tun müssen. Wenn wir empathisch verbunden sind, fließt die göttliche Energie durch uns hindurch und tut es. Ich glaube wir alle haben diese Kraft in uns, sie ist einfach da, wir sind nicht immer damit verbunden, der Zugang ist oft verstellt.4

Loslassen

Nur wenn wir diese begrenzenden Überzeugungen und Emotionen loslassen, gelangen wir zu jener Leichtigkeit der Existenz, die reines Bewusstsein, Glückseligkeit und Liebe ist. Dann sind wir mit der göttlichen Energie verbunden, die durch uns alle fließt. In diesem Zustand – in den Yoga-Schriften als ‘Satcitananda‘ bezeichnet – können wir nicht länger kontrolliert, manipuliert, ausgebeutet und eingesperrt werden.

Es ist die innere Leere, die die Ego-Strategien des Begehrens in Gang setzt. Sie macht sich bemerkbar, solange wir die Verbindung mit unserem großen Selbst [Atman] nicht fühlen können. Sobald wir im Zustand von Satcitananda sind, verschwindet dieses Gefühl der inneren Leere und unser Begehren löst sich von selbst auf, ohne dass wir uns asketisch dazu zwingen müssten. Stakeholder des kapitalistischen Paradigmas – Marketing, Werbung, Medien, Politiker – sprechen hingegen gewöhnlich das kleine Selbst und seine Begehrlichkeiten an.

Verteidigung des kleinen Selbst

Die eingangs erwähnte, sogenannte ‚realistische’ Sichtweise dient auch oft als das beste Argument, um Gewalt zu legitimieren.

Da Gewalt bereits der vorherrschende Zustand ist, scheint es keine wirkliche Wahl zu geben, ob wir das [gewaltsame] Handlungsfeld nun betreten sollen oder nicht. […]Gewalt findet gegen uns statt, daher sind wir berechtigt, gewalttätige Maßnahmen gegen diejenigen zu ergreifen, die (a) die Gewalt begonnen und (b) gegen uns gerichtet haben’.5

Selbst wenn wir uns schon in einem Kräftefeld der Gewalt befinden. Wie sollte dem Zirkulieren der Gewalt ein Ende gesetzt werden, wenn nicht gerade jetzt, gerade wir diejenigen sind, die die bewusste Entscheidung treffen, nicht zu ihrem Zirkulieren beizutragen?

Ahimsa als kosmopolitische Haltung

Judith Butler stellt darüber hinaus in ‘The Force of Nonviolence‘, die entscheidende Frage: ‘Wer ist dieses ‘Selbst‘, das in der Selbstverteidigung verteidigt wird?‘ Wer wird hier ein-, wer wird ausgeschlossen? Wer verdient unser Mitgefühl und wer kann unseren ‘höheren Zielen’ geopfert werden? Gibt es Menschen, die unser Mitgefühl weniger wert sind, deren Sterben weniger betrauernswert ist?

Dies ist genau der Grund, warum Ahimsa als kosmopolitische Haltung aufgefasst werden sollte.

Wenn wir aufhören, uns mit dem kleinen Selbst – der Nation, der Religion, der Ethnie, der Rasse oder dem Geschlecht – zu identifizieren, ist es weniger wahrscheinlich, dass wir diese Erweiterungen des Ego aggressiv verteidigen. Vielmehr ‘identifizieren’ wir uns dann mit dem göttlichen Selbst, das bedingungslose Liebe, Glückseligkeit und Zeugenbewusstsein ist.

Ohne Intention zu verletzen

Ahimsa (Sanskrit: ‘ohne Intention, zu verletzen‘), gehört in Patañjalis achtgliedrigen Yoga-Weg zu den Yamas. Es sind jene Regelungen, die das Verhältnis des Yogis zu anderen betreffen. Warum, so könnte man fragen, kommt es bei Ahimsa auf die Intention an, und nicht primär auf die Handlung? Das Gelingen oder Nicht-gelingen einer intendierten Handlung liegt nicht immer in der Macht des handelnden Subjektes. Handlungen oder Sprechakte können von anderen als Verletzung aufgefasst werden, ohne, dass sie als solche intendiert waren.

Die Beurteilung einer Handlung oder Aussage wird von psychologischen oder auch kulturellen Faktoren bestimmt, die wir nicht immer beeinflussen können. Unsere Intention und die Aufmerksamkeit, mit der wir eine intendierte Handlung ausführen, können wir hingegen sehr wohl beeinflussen.

Bhava

Es ist das Gefühl oder die Intention (Bhāva) mit welcher eine Handlung ausgeführt wird, die ihren moralischen Wert bestimmt. Von diesem Bhāvahängt sowohl der Charakter einer Person als auch seine Einstellung zum Leben ab. Deshalb sind Yogis immer darauf bedacht, sich über ihr Bhāva stets und aufrichtig im Klaren zu sein.”6

Intentionen können auch unter energetischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Emotionen haben unterschiedliche Energiefrequenzen, die wahrnehmbar sind. Deshalb können unsere Mitmenschen auch die Absicht, mit der wir handeln, unbewusst registrieren.

Unsere Gefühle und Gedanken wirken sich immer auf andere Personen aus und beeinflussen unsere Beziehungen, unabhängig davon, ob diese Gedanken oder Gefühle ausgedrückt werden oder nicht. […] Wir lernen meist zu glauben, dass […] unsere Gedanken nur uns etwas angehen und dass Emotionen nur innerhalb der Begrenzung unseres Körpers stattfinden. Wenn wir [aber] beginnen, in diesem Bereich Nachforschungen anzustellen, erkennen wir, dass die Gefühle, die wir einer anderen Person gegenüber haben, oft durch ihre Haltung zurück gespiegelt werden und dass sich ihre Haltung abrupt ändert, wenn wir unsere innere Haltung ihnen gegenüber ändern. […] Überlege einfach, von welchen deiner Einstellungen andere lieber nichts wissen sollten und lasse diese Voreingenommenheiten los.7

Potenzierung der Wirkung?

Doch noch eine andere Tatsache könnte Patanjali dazu veranlasst haben, Ahimsa als den ersten Schritt auf dem Yoga-Weg zu anzuführen. Intentionen werden nur allzu leicht Wirklichkeit, wenn die gesamte mentale Energie durch Konzentration gebündelt wird.

Wenn der Yogi durch Konzentration und Meditation beginnt, übernatürliche mentale und physische Kräfte zu entwickeln, könnte damit auch die Versuchung wachsen, diese zum eigenen Vorteil zu nutzen. Deshalb sollte Ahimsa fest in der Haltung des Yogis verankert sein.

Verletzende Intentionen führen, wie verletzende Handlungen zu existenziellen und emotionalen Verstrickungen. Diese können den Yogi in seiner Fähigkeit, die mentalen Modifikationen und Schwankungen willentlich zu beenden, wieder zurückwerfen.

Intentionen offenbaren sich im Handeln

Bestimmte mentale Haltungen, wie Vorurteile, pauschale Verdächtigungen oder Ressentiments beeinflussen unweigerlich unsere Handlungen. Sie führen zu entsprechenden Entscheidungen, selbst dann wenn uns diese Zusammenhänge im Augenblick des Handelns vielleicht noch verborgen sind.

T.K.V. Desikachar betont daher in seiner Interpretation von Patañjalis Yoga-Sūtren, dass die Entwicklung einer solchen Sensibilität für die Wirkungsweise gewaltsamer Intentionen ein schrittweiser Prozess ist, der voraussetzt, dass wir uns bemühen, “die Ursachen für falsche Sicht- und Verhaltensweisen herauszufinden, und wenn wir die zugrundeliegenden Kleshas [mentale und emotionale Hindernisse] in unserem Geist erkennen, dann werden sich unsere Haltungen ganz natürlich und schrittweise verändern. Die Kleshas werden an Kraft und Einfluss verlieren, und unser Umgang mit der Umwelt und unser Verhalten gegenüber anderen Menschen wird klarer und angemessener werden.”8

Acht Schritte zu Ahimsa?

Swami Hariharananda Aranya weist in seiner Interpretation der Yoga-Sutren von Patañjali darauf hin, dass die perfekte Umsetzung von Ahimsa wiederum Konzentration und Meditation voraussetzt. Nur so können subtilere Formen von Gewalt erkannt, aufgespürt und aufgegeben werden. Er betont, dass sich die acht Glieder des Ashtanga-Yoga (Sanskrit: Ashta: acht, Anga: Glieder) – Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi – jeweils aufeinander beziehen.

So hat man zu Beginn vielleicht nur eine vage Vorstellung, wie die Praxis der Gewaltlosigkeit aussehen könnte. Durch die schrittweise Vertiefung dieser Praxis kann der Yogi die tiefgreifende und transformierende Praxis der Gewaltlosigkeit etablieren. Pranayama, oder die Verlangsamung und Verfeinerung der Atmung kann den Körper in emotionalen Zuständen beruhigen. Asanas reinigen das Nerven- und Nadi-System. Durch Pratyahara, das Nach-innen-Richten der Aufmerksamkeit, erkennt der Yogi störende Gedanken oder einschränkende Paradigmen. Samyama, die konzentrierte Energie von Dharana, Dhyana und Samadhi, kann uns schließlich zu einem noch tieferen Verständnis der Wirkungen dieser Kleshas führen.

Ist Ahimsa schließlich so tief im Bewusstsein verankert, so verschwinden alle störenden, möglicherweise zu Gewalt führenden Gedanken irgendwann von selbst. Nur wenn diese mentalen Reaktionen nicht einmal dann wieder auftauchen, wenn man provoziert wird, hat man, so Swami H. Aranya, die Kunst der Ahimsa-Haltung gemeistert.

Ahimsa als politischer Begriff

Diese von T.K.V. Desikachar und Swami Hariharananda Aranya beschriebene Sensibilisierung für die subtileren Aspekte der Gewaltlosigkeit findet zunächst nur auf individueller Ebene statt.

Die mit dem Begriff ‘Ahimsa‘ umschriebene Haltung hat aber darüber hinaus das Potenzial zur Transformation des Zusammenlebens. Das heißt, sie hat politisches Potenzial. Doch auch wenn eine Protestbewegung mit gewaltlosen Mitteln für ihre Ziele kämpft, muss wiederum jede/r Einzelne die gewaltlose Haltung mittragen. Denn es braucht oft nur eine einzige gewaltsame Reaktion, um die Eskalation eines Konfliktes herbeizuführen. Dies kann die gesamte Bewegung in Misskredit bringen. Dieser Umstand wird sowohl von radikalen Gruppierungen als auch von der Staatsgewalt ausgenutzt, um gewaltlosen Widerstand zu diskreditieren.

Definitionsmacht

Eine der größten Herausforderungen für jene, die sich für die gewaltlose Haltung einsetzen ist, dass ‘Gewalt’ und ‘Gewaltlosigkeit’ umstrittene Begriffe sind. […] In öffentlichen Auseinandersetzungen können wir beobachten, dass die Bestimmung dessen, was als ‘gewaltsam’ gilt, labil ist. Die semantische Angemessenheit dieses Begriffes ist anfechtbar. […] Demonstrationen, Belagerungen, Versammlungen, Boykotts und Streiks werden oft als ‘gewaltsam’ bezeichnet, selbst dann, wenn dabei keine einzige physisch gewaltsame Handlung stattgefunden hat. […] Wenn Staaten oder Institutionen in dieser Weise versuchen, gewaltlose Praktiken als gewaltsam zu brandmarken, führen sie den politischen Kampf auf Ebene der öffentlichen Semantik fort.9

Randbemerkung der Geschichte

Die immense Herausforderung, die vielen Einzelnen auf die Haltung der Gewaltlosigkeit einzuschwören, um für die gemeinsame Sache einzustehen, wurde dennoch von erstaunlich vielen gewaltlosen Revolten bewältigt. Dennoch sind gewaltlose Bewegungen sowohl für die Massenmedien als auch für die Geschichtsschreibung meist nicht mehr als Randbemerkungen oder Fußnoten. Entweder wird ihre Wirksamkeit heruntergespielt oder sie werden, trotz ihres gewaltlosen Auftretens öffentlich als gewaltsam gebrandmarkt, weil der Staat das Macht- und Interpretations-Monopol für sich beansprucht.

Ahimsa als einendes Konzept?

Die vorherrschende Auffassung und massenmediale Darstellung der Weltereignisse hat sich in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich auf Terrorakte, religiöse und ethnische Konflikte, sowie gewaltsame Revolten konzentriert. Dennoch kann die Existenz von verborgenen Gegen- oder Unterströmungen des gewaltlosen politischen Agierens nicht geleugnet werden.

Gandhi war nicht der Erste, der diese gewaltfreie Form des Widerstandes kultiviert hat. Doch er war derjenige, der eine größere Öffentlichkeit auf die Macht dieser verborgenen Kräfte aufmerksam gemacht hat. Der Begriff ‘Ahimsa‘ spielt sowohl im ‘Hinduismus’ als auch in der Jainismus und im Buddhismus eine wichtige Rolle.

Aktuelle Relevanz

Während viele immer noch glauben, dass Gewaltlosigkeit ein wirkungsloses Mittel im Kampf gegen Diktatoren oder gegen Völkermord ist, gab es dennoch in den letzten Jahrzehnten viele demokratische Initiativen, die auf gewaltlosen Widerstand setzten und auf die Durchsetzung der Menschenrechte beharrten. Diese Initiativen trugen auf diese Weise dazu bei, eine globale Zivilgesellschaft auf einer soliden Basis aufzubauen.10

In einer Zeit, religiöser Spannungen, die durch rechte Politiker sowohl in Indien, als auch in Europa, in den USA, im Nahen Osten und nun auch in Südamerika geschürt werden, erscheint mir Ahimsa als kosmo-politisches Konzept wieder sehr relevant.

Ahimsa Archiv

Um die vielen, verborgenen Formen von Gewaltlosigkeit sichtbar werden zu lassen, soll ein heterogenes, offenes Archiv entstehen. Ein Archiv des gelebten Ahimsa-Wissens darüber, wie Gewalt und verletzende Intentionen vermieden werden können. Das Ahimsa-Archiv soll eine Alternative zur massenmedialen Darstellung bieten. Dabei geht es nicht darum, die kriegerische und gewaltsame Seite des Menschen zu leugnen. Nicht indem wir unsere Schattenseiten ignorieren und verdrängen, sondern gerade, indem wir uns mit unseren ‘Dämonen’ konfrontieren, können wir lernen, ihrem Sog zu widerstehen.

Der Schatten ist ein Gemeinschaftsprojekt. Jeder kann sich an seinem Aufbau beteiligen und braucht dazu nichts weiter als die Fähigkeit, unbewusst zu bleiben. […] Wir wehren uns gegen unseren Schatten und leugnen ihn, weil wir gründlich indoktriniert worden sind oder uns einfach unter der Hypnose der gesellschaftlichen Konditionierung befinden.”11

Entstehung von Gewalt

Gewalt entsteht oft aus individuellen oder kollektiven traumatischen Erfahrungen. Um ein Trauma zu überwinden, muss sich der/die Traumatisierte zuerst aus der Schreckstarre befreien, um allmählich ihre/seine Interpretation der eigenen Vergangenheit, seine/ihre Geschichte, transformieren zu können. Jedes Individuum hat dabei seine spezifische Art, mit Gewalterfahrungen umzugehen, findet eigene Strategien, die Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühle, Wut, Angst und Trauer zu überwinden.

Was für das individuelle Gedächtnis gilt, gilt auch für das kollektive. Solange man sich als Opfer betrachtet, bleibt die Energie blockiert und manifestiert sich in Depressionen und Ängsten oder Panik-Attacken. Sie wird zu Selbsthass oder zur Rachsucht, äußert sich in Zorn oder Gewaltausbrüchen. Erst wenn es gelingt, die erlittene Gewalt als unwiderruflich vergangen zu betrachten, können die Energien wieder frei werden und sich in Kreativität, Spontaneität und mentaler Klarheit äußern.

Die Sprache wiederfinden

Gewalt wirkt nicht nur unmittelbar, sondern auch unvermittelt. Deshalb verschlägt ein gewalttätiger Angriff, ein traumatisches Erlebnis oder eine aggressive Provokation dem Opfer nicht selten die Sprache. Auch verletzende Worte oder Gesten können die Wirkung haben, dass uns erst Stunden oder Tage später einfällt, was wir hätten erwidern können.

Die Sprache wiederzufinden, Worte zu finden, um auszudrücken, was einem widerfahren ist, ist daher ein wichtiger Schritt, um sich aus dem Bann der Gewalt zu befreien. Dies kann in einem Gespräch mit einem Freund oder einer Therapeutin geschehen, aber auch, indem man die Emotionen beschreibt.

Ein Trauma lässt Menschen verstummen […]. Traumatische Erfahrungen für sich zu behalten hält aber ihre Wirkung aufrecht. […] Das Schweigen zu brechen ist der erste Schritt, automatisierte Reaktionsweisen durch bewusste Entscheidungen zu ersetzen.12

Transformation des Gedächtnisses

In Erzählungen verarbeitet das menschliche Gehirn Erlebtes und verwandelt alle Komponenten in Bio-Graphie oder Kartierungen. Dies gilt sowohl auf der individuellen, als auch auf der kollektiven Ebene. Die bewusste Auseinandersetzung mit diesen individuellen oder kollektiven Narrativen führt zur Transformation der Wahrnehmung der Vergangenheit.

Ziel des Ahimsa Netzwerkes ist eine solche Transformation des Gedächtnisses durch eine bewusste Auseinandersetzung mit vorherrschenden Narrativen und Diskursen aber auch durch eine Sammlung neuer Geschichten der gewaltlosen Rebellion.

Autorin: Eva Pudill

> LITERATUR

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