>THEMEN

Bestätigung der Opferrolle

Die Opferhaltung verfestigt nicht nur die Hilflosigkeit und das Gefühl des Ausgeliefertseins, die ihren Ursprung im Trauma haben, sondern sucht auch immer nach Schuldigen für die eigene Misere. Der in der Opferrolle Gefangene hängt am Schmerz als identitäts- und sinnstiftende Quelle seiner reaktiven Gefühle.

Diejenigen, für die Zerstörung immer und nur von außen kommt, werden niemals in der Lage sein, die ethische Forderung der Gewaltlosigkeit anzuerkennen oder damit zu arbeiten. Trotzdem bleiben Gewalt und Gewaltlosigkeit Themen, die gleichzeitig gesellschaftspolitisch und psychisch sind, und die ethische Reflexion der Debatte muss daher genau an der Schwelle der psychischen und sozialen Welt stattfinden.1

Amtssprache

Auch, was Marshall B. Rosenberg ‘Amtssprache‘ nennt, gehört zu einer Form der Opferhaltung. Aussagen , die man etwa im Nürnberger Prozess von Nazis wie Adolf Eichmann hörte wie: ‘Ich hatte keine Wahl‘, ‘Befehl von oben‘, ‘ich musste es tun‘, zeugen von den Versuchen hoher Nazi-Beamter, sich jeglicher Verantwortung für ihre Handlungen zu entziehen.

Er sagte: ‘Um ehrlich zu sein, es war ganz einfach’. [Die Sprache habe es ihm leicht gemacht]. Er und die anderen Offiziere haben diese Sprache gesprochen, und sie hat ihnen das Gefühl gegeben, für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu sein, sie selbst haben diese Sprache diesen Namen gegeben: ‘Amtssprache’.2

Eine Schwäche für die Schwäche

Was die Wandlung dieser Einstellung noch zusätzlich erschwert, ist, dass sie gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist und auch noch bestätigt wird. Robert Pfaller beschreibt in seinem Buch ‘Zwei Welten. Und andere Lebenselexiere‘, wie die neoliberale ‘Beschwerdementalität‘ die Opferhaltung der als Konsumenten des öffentlichen Raums verstandenen Bürger tatkräftig unterstützt. Das eigentliche Ziel wäre jedoch, von der neoliberalen Umverteilung und Privatisierung des gemeinschaftlichen Reichtums abzulenken.

Ja, der Neoliberalismus hat eine Schwäche für die Schwäche, die sich beschwert. Im Neoliberalismus hat, wer sich beschwert, immer recht: denn er drängt darauf, den öffentlichen Raum um eine Dimension ärmer zu machen. Und weil die Schwachen und Belästigten, wie einleuchtend scheint, überproportionalen Schutz verdienen, reagiert man auf jede Beschwerde prompt und mit drastisch repressiven Maßnahmen. […] Allerdings ist es [das Recht, sich zu beschweren] auch das einzige Recht. Nichts anderes können Individuen nun in Bezug auf den öffentlichen Raum geltend machen.3

Die Opfer-Haltung erscheint in einem solchen Klima als die naheliegendste und am einfachsten nachzuvollziehende Haltung nach einer Verwundung.

Archetyp des Opfers

Doch nicht erst seit der Postmoderne wird der oder die Leidende in seinem/ihrem ‘Recht’, sich als Opfer zu fühlen, bestätigt. “In der Tat ist der Opfer-Archetyp in unser aller Leben tief verwurzelt; […] sein Einfluss auf unser kollektives Bewusstsein ist immens. Seit undenklichen Zeiten agieren wir unser Opferdasein in allen Facetten unseres Lebens aus, in der Überzeugung, es sei fundamentaler Bestandteil menschlichen Daseins.4

Nicht nur Freunde und Bekannte, die uns trösten wollen, bestätigen uns in unserer Opferrolle. Auch die Berichterstattung in den Massenmedien lässt diese Haltung, die immer und sofort nach Schuldigen sucht, als unhinterfragt ‘richtig’ und ‘berechtigt’ erscheinen.

Die Opferhaltung ist, wie jede andere Haltung, in bestimmte ‘archetypische‘ Narrative involviert. Diese Erzählungen bestimmen so lange wie eine Matrix unser Leben, bis sie uns bewusst werden und wir nach neuen ‘Selbsterklärungen’ suchen.

Nichts tun

Neurowissenschaftler haben entdeckt, dass das sogenannte ‘Default Mode Network‘ auch für die Integration des Erlebten ins Gedächtnis zuständig ist. Es besteht aus einer Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun und Tagträumen aktiviert ist, beim aktiven Lösen mentaler Aufgaben aber deaktiviert.

Die gesamte Wissenskonstruktion, von den einfachen bis zu den komplexen Formen, von der nicht-sprachlichen Vorstellungstätigkeit bis hin zu sprachlich-literarischen Hervorbringungen, beruht auf der Fähigkeit, das zu kartieren, was sich in unserem Organismus und mit unserem Organismus ereignet […] Geschichten zu erzählen, das heißt, zu registrieren, was in Gestalt von Gehirnkarten geschieht, ist wahrscheinlich eine Obsession des Gehirns. […] Geschichtenerzählen geht der Sprache voraus, denn es ist eine Vorbedingung der Sprache. […] Ich glaube, dass die allgegenwärtige ‘Bezüglichkeit’ [Intentionalität] des Geistes in dem Erzählcharakter des Gehirns verwurzelt ist.”5

Geschichten erzählen

Unser Gehirn verarbeitet im Tag-träumenden Zustand das Erlebte in Geschichten, die in die große, identitätsstiftende Erzählung unseres Lebens hinein-geträumt werden. Es sind Geschichten, die gegenwärtige und vergangene Erfahrungen ineinander schichten. Sie können Vergangenes neu gewichten und unser gegenwärtiges Verhältnis zu unserer gesamten Lebensgeschichte (und damit unsere Selbstwahrnehmung) transformieren.

Die Fäden der Erzählung neu verknüpfen

Hannah Arendt beschreibt in ‘Vita Activa‘ die Handlungen des Menschen als einen Prozess des Einwebens der eigenen Existenz in ein schon existierendes Gewebe.

Das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten [geht] allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern. […] Sind die Fäden erst zu Ende gesponnen, ergeben sie wieder klar erkennbare Muster bzw. sind als Lebensgeschichte erzählbar.

Obwohl also erzählbare Geschichten die eigentlichen ‘Produkte’ des Handelns und Sprechens sind, und wiewohl der Geschichtscharakter dieser Produkte dem geschuldet ist, dass handelnd und sprechend die Menschen sich als Person enthüllen und so den ‘Helden’ konstituieren, von dem die Geschichte handeln wird, mangelt der Geschichte gleichsam der Verfasser. Jemand hat sie begonnen, hat sie handelnd dargestellt und erlitten, aber niemand hat sie ersonnen.”6

Interpretation der Vergangenheit

Auch wenn unsere Vergangenheit unwiderruflich vorbei ist, und es keine Möglichkeit gibt, gewisse Ereignisse ungeschehen zu machen, so ist doch unser Gedächtnis – unsere Interpretation der Vergangenheit – lebendig. Es wimmelt nur so von Geschichten, Sichtweisen und Konzepten, die verändert werden können.

Wir müssen die Geschichte verstehen, denn die Geschichte ist unser ‘Default-Modus’: Sie ist dem, was wir sind, immanent. Geschichte ist es, womit wir unsere Welt erklären und unsere Identität erschaffen. Mehr noch, es scheint immer offensichtlicher zu werden, dass die Geschichte, die wir uns selbst erzählen, buchstäblich unsere Gesundheit beeinflusst.7

Narrative Konstitution des Gedächtnisses

Nicht erst die Neurowissenschaft hat die Bedeutung der Narration für die Konstitution des individuellen und kollektiven Gedächtnisses enthüllt. Für die schamanischen Heiler und Medizinmänner und Frauen aller Weltregionen gehörte das Erzählen von Geschichten immer schon zu einer ihren wichtigsten Heilpraktiken. Störungen des individuellen und kollektiven Gleichgewichtes werden durch neue Geschichten oder die kreativen Adaptionen alter Erzählungen integriert.

Angemessenheit alter Geschichten

Im induzierten Trance-Zustand werden in Begleitung des Heilers, alte Geschichten überprüft. Erzählungen, die der individuellen Situation nicht mehr entsprechen und sich im Körper als Spannung oder Krankheit manifestieren, werden durch neue, passendere Geschichten ersetzt. Neue Geschichten können die Interpretationen der eigenen Vergangenheit verändern, neue Wertungen setzen und so zu einer Perspektive der Selbstermächtigung führen.

Muße aktiviert den Möglichkeitssinn

Der ‘unproduktive’ Zustand des Tagträumens und der aus diesem Nebel aufsteigende Möglichkeitssinn sind also nicht nur für Schriftsteller und alle anderen Künstler essenziell, sondern für jeden Menschen. Denn hier liegt das Potenzial für eine Transformation der Lebenseinstellung und damit für ein erfüllteres Leben. Aus diesem halbwachen Zustand können neue, passendere Lebensentwürfe auftauchen.

Orakeln auf dem Sofa

Aus den Tagebüchern Franz Kafkas geht hervor, welche Bedeutung er diesem Dämmerzustand beimaß. Er beschrieb, wie er sich nach der Arbeit bei der Unfallversicherungsgesellschaft bewusst jeden Tag mindestens eine Stunde in diesen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf begab. Aus dieser mentalen Dämmerung stiegen seine unverwechselbaren Erzählungen auf wie die Sprüche eines Orakels.

In einer Zeit, in der keine Zeit verloren gehen darf ist dieser bewusste Umgang mit der schöpferischen Muße bewunderns- und nachahmenswert. Auch Friedrich Nietzsche stellte schon Ende des 19. Jahrhunderts fest, wie “die Kommerzialisierung des Werturteils, […] jeden ‘unproduktiven’ Zustand als eine Kräfteverschwendung brandmarkt.”8

Instrumentalisierung selbst noch der Muße

Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass in dieser, der Produktivität verschriebenen Zeit nicht Tag-geträumt wird. Doch es geschieht mit schlechtem Gewissen und ohne Wertschätzung. Es sei denn die Muße kann als ‘kreatives’ Brainstorming für ein Projekt instrumentalisiert werden.

Wenn wir hingegen die Muße und das Tagträumen in unserem Leben nicht nur zulassen, sondern wie Kafka sogar kultivieren, dann können wir uns vielleicht der uns bewegenden Geschichten bewusst werden, die unser Leben leiten und beeinflussen. Wir könnten uns so neue Lebenshaltungen ‘erträumen’, die uns weniger überfordern.

Neue Erzählungen, neue Überzeugungen

Welche Rolle spielen nun diese bewegenden Geschichten im Prozess der Verarbeitung von Traumata? Wie können sie uns dabei unterstützen, seelische Wunden zu heilen? Oder im Gegenteil dazu führen, dass sich unsere Verwundung immer weiter vertieft?

Die in den Geschichten implizierten Erwartungen sind genau jene ‘Fühler’, die wir uns-Begegnendem voraus greifend und interpretierend ‘entgegenstrecken’. Wir wählen also mit unserer mentalen Haltung aus, was uns ‘schicksalhaft’ begegnet und damit unser weiteres Leben bestimmt.

Wir erzeugen uns immer unsere eigene Realität gemäß unseren Überzeugungen. […] Unser Leben ist immer ein Spiegelbild unserer Überzeugungen.9

Auch wenn es uns meist nicht bewusst ist, ziehen bestimmte Einstellungen, wie etwa die Opferhaltung, gewisse Ereignisse an. Die aus dieser Haltung resultierenden Ereignisse bestätigen und zementieren wiederum die Einstellungen, die sie auslösten. Und so bewegen wir uns im Kreis.

Den Samskaras auf die Spur kommen

Doch auf der anderen Seite können wir, wenn wir unseren Überzeugungen, Erwartungen und Glaubenssätzen auf die Spur kommen, die Selektionsfilter unserer Wahrnehmung neu justieren. Indem wir auf diese Weise unserer Erwartungshaltung langsam ändern, ‘ziehen’ wir andere Ereignisse ‘an’, können andere Details der Ereignisse wahrnehmen, die uns nun nicht mehr weiter in unserer Opfer-Rolle bestätigen.

Verschiebung des Blickwinkels

So kann ein Ereignis allein durch die Verschiebung der Perspektive unsere Rolle entweder bestätigen oder im Gegenteil entkräften. Dadurch kann dieses Ereignis seinen Charakter für uns radikal verändern. Diese Unterschiede in der Einstellung erklären auch, warum Menschen in ein und derselben Situation sehr unterschiedlich reagieren. Dieselbe Situation kann den einen traumatisieren, während die andere unbeschadet davon kommt.

Gelingt uns der Perspektivwechsel immer häufiger, so ändert sich allmählich oder auch scheinbar plötzlich die gesamte, uns begegnende Wirklichkeit. Durch die Verschiebung der Wahrnehmung und die Transformation der Geschichten, die unser Leben bewegen, kann sich jedoch nicht nur unsere Gegenwart und Zukunft verändern. Auch vergangene Ereignisse können uns plötzlich in einem anderem Licht erscheinen. Dies wirkt sich wiederum auf unsere Selbstwahrnehmung entscheidend aus.

Interpretationen der Lebensgeschichte

Wir übernehmen die Kontrolle über unser Leben, indem wir es anders interpretieren. Das befähigt uns, unsere Vergangenheit anzunehmen und uns aus der Verstrickung mit anderen Menschen zu lösen. […] Es sind unsere Wahrnehmungen und unsere Interpretationen, die auf unsere Gefühle einwirken, nicht das Ereignis selbst.”10

Friedrich Nietzsche war der erste Philosoph der Philosophiegeschichte, der die transformierende Kraft der Erzählung für unser Denken erkannt, und in ‘Also sprach Zarathustra‘ umgesetzt hat.

Unerträglicher Gedanke?

Mit dem gottlosen Propheten Zarathustra hat Nietzsche eine Figur geschaffen, die einen ‘unerträglich schweren Gedanken‘ in die Philosophiegeschichte einführen sollte:

Den selektierenden Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen – ‘Circulus vitiosus Deus‘ (‘vitium‘: das Gebrechen, das Leiden, das Zerstörerische; ‘circulus‘: der Ring, die Wiederholung; ‘Deus‘: Gott – bei Nietzsche nicht der monotheistische, identitätsstiftende Gott, sondern Dionysos, der Gott des Rausches, der Identitätsauflösung und Transformation).

Meine Lehre sagt: so leben, dass Du wünschen musst, wieder zu leben, ist die Aufgabe, – Du wirst es jedenfalls!11

Der ‘Gedanke der Ewigen Wiederkehr’ ist eng verknüpft mit der Überwindung des (europäischen) Nihilismus.

Die Sinnlosigkeit überwinden

Der Nihilismus will uns weiß machen:

Leiden und Vergehen sind Beweise dafür, dass das Leben als solches sinn- und wertlos ist. Durch den Gedanken der ewigen Wiederkehr soll diese Haltung überwunden werden.

Doch zunächst bewirkt der Gedanke der ewigen Wiederkehr das Gegenteil: eine Vollendung des Nihilismus.

Denn: nicht nur die glücklichen Höhepunkte des Lebens kehren wieder, sondern auch all die Kleinlichkeiten, Bosheiten, sowie Momente der Ohnmacht und Erniedrigung.

Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, […] [So ist die ewige Wiederkehr] die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das Sinnlose) ewig!12

Deshalb löst der Gedanke der ewigen Wiederkehr in ‘Zarathustra‘ zunächst Widerwillen und Überdruss aus. Nämlich wenn er sich vorstellt, was alles wiederkehren würde. Doch dies ist nicht die einzige und letzte Weise, die ewige Wiederkehr zu denken.

Scheideweg

Auf der einen Seite [des Scheideweges] steht: Alles ist nichts, alles ist gleich [gültig]. Auf der anderen Seite steht: Alles kehrt wieder, es kommt auf jeden Augenblick an, es kommt auf alles an: Alles ist gleich [wichtig]. Die Überwindung dieser kleinsten Kluft ist die schwerste Überwindung im Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen [die jedes Individuum nur für sich selbst vollziehen kann – im Augenblick, da ihn/sie der Gedanke der Gedanken überkommt].”13

Schöpfungsakt

Hier wird deutlich, wie der Gedanke der ewigen Wiederkehr den Nihilismus überwinden kann. Wenn es auf jeden Augenblick ankommt, wird das Leben aufgewertet und gleichzeitig wird die verneinende, reaktive (Opfer-)Haltung durch eine bejahende Haltung überwunden. Dieser Gedanke der Gedanken‘ selektiert, wählt aus, eliminiert die reaktiven Kräfte und macht, so Gilles Deleuze in seiner Nietzsche-Interpretation, ‘aus dem Wollen einen Schöpfungsakt‘.

Übermensch?

Die Sichtweise, dass es auf jeden Augenblick ankommt, dass alles gleich wichtig und daher der Aufmerksamkeit wert ist, entspricht einer Bejahung, die den Menschen über sich hinaushebt. Der ‘Übermensch‘ steht bei Nietzsche für eine neue Art zu fühlen, zu denken und zu werten, für eine neue Sensibilität.

Da Nietzsche zufolge der Mensch ‘wesensmäßig’ reaktiv, nachtragend und rachsüchtig ist, wird er in Zuständen, in denen er bejahend, wertschätzend und aktiv ist ‘übermenschlich’. Denn er überwindet dann die menschliche Kondition: das Ressentiment.

Haltlose Bejahung

Vom aktiven, bejahenden Standpunkt aus ist das Leid kein Einspruch gegen das Leben, sondern ein ‘Köder für das Leben‘. ‘Zarathustra‘, der ‘Lehrer der Ewigen Wiederkehr‘, ist ein Fürsprecher des sich übersteigernden Lebens, das auch Leiden bedeutet:

In alle Abgründe trage ich […] noch mein segnendes Ja-sagen.”14

Doch ‘bejahen‘ bedeutet bei Nietzsche nie auf-sich-nehmen, (er-)tragen was schon ist. Das Realitätsprinzip steht in Verbindung mit dem Selbsterhaltungstrieb, der die Selbstübersteigerung bremst. Vielmehr bedeutet bejahen bei Nietzsche leichter machen, loslassen, entbinden, vergessen, neue Lebensformen erfinden, erschaffen.

Manie überschätzt die Macht des Subjekts und verliert den Kontakt zur Realität. Und doch, wo finden wir die psychische Ressource, um uns von der Realität zu verabschieden, wie sie derzeit etabliert und eingebürgert ist? Der ‘Unrealismus’ der Manie deutet auf eine Ablehnung des Status quo hin und stützt sich auf den Wunsch eines Menschen, der gegen Formen erhöhter Selbstberatung [Melancholie] kämpft, und verstärkt ihn.15

Tanzend, spielend und lachend feiert Zarathustra das Werden, den Zufall und das Leiden. Insofern ist der aktive, bejahende Typus ein Gegengewicht zum verneinenden Nihilisten. Denn der Nihilist ist gerade durch seine Schwäche im Wertschätzen und im eigenständigen Interpretieren der Existenz gekennzeichnet.

Ein Aktiv-Werden besteht einzig und allein durch einen und in einem ja-sagenden Willen, wie es ein Reaktiv-Werden nur gibt durch und im Willen zum Nichts. Eine Aktivität, die sich nicht bis zu den ja-sagenden Mächten aufschwingt, die sich nur der Arbeit des Negativen anheimgibt, ist unweigerlich zum Scheitern verurteilt.”16

Erlösung von der Opferrolle

Indem der selektierende Gedanke der ewigen Wiederkehr zu einer Bejahung führt, verwandelt er die reaktiven Kräfte in aktive und ‘erlöst’ uns von der passiven Opferrolle und den mit dieser hilflosen Haltung einhergehenden Rachephantasien.

Der übermenschliche, bejahende, aktive Zustand ist Ziel und Zweck der Prüfung durch den Gedanken der ewigen Wiederkehr. Die Frage bei allem was das Individuum will: ‘Ist es so, dass ich es unzählige Male (tun) will?‘ wirkt selektierend, verleiht Bedeutung, stiftet Sinn, bildet neue Kraftzentren.

Einzigartigkeit bejahen

Im existenziell-noematischen (sinnstiftenden) Ereignis der ‘Offenbarung‘ der ewigen Wiederkunft erfährt das sich bejahende Individuum, dass es all jene Höhen und Tiefen, die sein Leben bestimmten, durchlaufen musste, um zu seiner jetzige Einzigartigkeit zu gelangen. Dass es nur werden konnte, wie und wer es ist, indem es immer neue Möglichkeiten seiner selbst realisierte, dass also nichts umsonst oder unbedeutend war, dass alles einen Sinn hat(te).

Sich als einen zufälligen Moment wieder wollen

Die Ewige Wiederkehr, eine Notwendigkeit, die gewollt werden muss: allein derjenige, der ich jetzt bin, kann diese Notwendigkeit meiner Wiederkehr und der Wiederkehr aller Ereignisse, die zu dem, was ich jetzt bin, geführt haben, wollen.

Es bleibt mir also nur übrig, mich selbst wieder zu wollen, und zwar nicht nur als Erfüllung der vorherigen Möglichkeiten, auch nicht als eine Realisierung unter tausend, sondern als ein zufälliges Moment, dessen Zufälligkeit selbst die Notwendigkeit der ganzen Folge beinhaltet. Aber sich als einen zufälligen Moment wieder zu wollen bedeutet, darauf zu verzichten, ein für allemal ich-selber zu sein.17

Singularität

Die Einzigartigkeit des Individuums (der ‘Einzelfall‘) steht für Nietzsche höher als der Überlebenstrieb der Gattung ‘Mensch’. Der ‘Herdentrieb‘ verleitet das Individuum dazu, sich mit bestimmten Rollen zu identifizieren, sich auf eine bestimme Identität ‘ein für alle Mal’ festzulegen.

Geläuterter Wille

Den Widerständen, denen der ‘Satyagrahi‘ ausgesetzt ist, kann er/sie nur durch einen Bejahenden, durch die Prüfung der ewigen Wiederkehr ‘geläuterten’ Willen, begegnen. So kann er/sie an der wertschätzenden, bejahenden Haltung auch dann noch festhalten, wenn er/sie gewalt(tät)igen Provokationen ausgesetzt ist.

Je mehr Nichtsein [negative Spannung, die durch das / den oder die Andere hervorgerufen wird] das Lebendige in sich tragen kann, um so gefährdeter ist es und desto mehr Seins-Mächtigkeit hat es, wenn es imstande ist, dieser Gefahr zu trotzen […]. Ein Lebensprozess ist umso machtvoller, je mehr Nichtsein er in seiner Selbstbejahung einschließen kann, ohne dadurch zerstört zu werden.18

Die Macht des Schöpferischen

Der schöpferische Mensch kann ein großes Maß an Widrigkeiten ertragen. Unter anderem deshalb ist für Nietzsche der Künstler der höchste Ausdruck des Willens zur Macht. Denn der/die Künstler/in ‘setzt’ durch seine/ihre Hervorbringung etwas ‘ins Sein’, das vorher noch nicht da war.

Die Kunst, im weitesten Sinne als das Schaffende gedacht, ist der Grundcharakter des Seienden. Darnach ist die Kunst im engeren Sinne jene Tätigkeit, in der das Schaffen zu sich selbst heraustritt und am durchsichtigsten wird, nicht nur eine Gestalt des Willens zur Macht, sondern die höchste. Von der Kunst aus und als Kunst wird der Wille zur Macht eigentlich sichtbar. Wille zur Macht ist aber derjenige Grund, auf dem künftig alle Wertsetzung stehen soll: das Prinzip der neuen Wertsetzung gegenüber der bisherigen.19

Mit der ‘bisherigen‘ Wertsetzung ist der Platonismus gemeint, der den Wert des Übersinnlichen (die platonische Ideenwelt) höher ansetzt als den des Sinnlichen und somit das Leben abwertet: Nihilismus als Abwertung des Sinnlichen und in Folge des Lebendigen schlechthin.

Da das Element der Kunst immer das Sinnliche ist, gilt sie (als der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung) für Nietzsche als “einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens.”20

Tragische Kunst

Die höchste Kunst ist für Nietzsche die tragische. Im Tragischen wird die Zusammengehörigkeit von Furchtbarem und Schönem ästhetisch bejaht. Das, was Nietzsche auch das ‘Heroische‘ nennt, besteht gerade in der Bejahung der Zusammengehörigkeit dieser beiden Gegensätze.

Das tragische Wissen weiß, dass das ‘Leben selbst’, das Seiende im Ganzen, ‘die Qual, die Zerstörung’, die Leiden bedingt, dass all dies kein Einwand gegen das Leben ist. […] Das Tragische in Nietzsches Sinn ist gegen die Resignation. […] [Es] hat nichts zu tun mit der bloßen Verdüsterung eines sich selbst zerstörenden Pessimismus, aber ebenso wenig mit dem blinden Taumel eines in bloßen Wünschen verlorenen Optimismus.21

Autorin: Eva Pudill

>LITERATUR

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