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Ahimsa in Patanjali’s Yoga-Sutra

Patañjali bezieht sich im Yoga-Sutra genau genommen nur in zwei Sutren direkt auf Ahimsa. In Sutra 2.30: ‘ahimsa satya asteya brahmacharya aparigraha yamah‘. Sowie in Sutra 2.35, das die positiven Wirkungen der Ahimsa-Haltung hervorhebt: ‘ahimsa pratisthayam tat sannidhau vairatyagaha‘. “Wenn der Yogi in Gewaltlosigkeit gegründet ist, hören alle Wesen, die in seine Nähe kommen, auf, feindselig zu sein.”1

Wichtig ist auch Sutra 2.31, das auf die Verbindlichkeit der Yama hinweist. “Lebt ein Mensch in vollkommener Übereinstimmung mit den Yama, wird er niemals davon abweichen, egal welcher Berufung er folgt, an welchem Ort und zu welcher Zeit er lebt und welcher Art seine momentanen Umstände sind.”2

Ahimsa als Gelübde

Zwar entsteht diese ‘vollkommene Übereinstimmung‘ erst nach langer, intensiver Auseinandersetzung mit den von den Yama beschriebenen Haltungen. Die von Patañjali in Aussicht gestellten Wirkungen von Ahimsa stellen sich jedoch erst dann ein, wenn der Yogi die bewusste Entscheidung getroffen hat, alle Bereiche des Lebens von dieser Intention durchdringen zu lassen.

Ist es Zufall, dass Pantañjali Ahimsa an die erste Stelle der Yama stellt? Diese prominente Stellung von Ahimsa verweist auf die Wichtigkeit gerade dieses ersten Yamas für den Yoga-Weg.

In manchen Situationen wird man eventuell gezwungen sein, einem der Yama den Vorrang vor einem anderen zu geben. Dennoch bezeichnet Patanjali die Yama und Niyama als ‘universale Gelübde‘. Sie sollten unabhängig von Herkunft, Umständen und unabhängig von berufliche Verpflichtungen, von Ort und Zeit befolgt werden.

Jemand, der die Yama konsequent umsetzen möchte, kann dabei in seinem ‘Gelübde‘ der Gewaltlosigkeit, etwa nicht den Umstand als Ausnahme geltend machen, dass er als Soldat im Krieg für sein Land töten muss. Für Anhänger des Jainismus, die Ahimsa ins Zentrum ihrer Religion gerückt haben, sind deshalb gewisse Berufe ausgeschlossen.

Nicht selbst ausgeführte Handlungen

In Sutra 2.34 weist Patañjali darauf hin, dass nicht nur Handlungen zählen, die der Yogi selbst ausführt, sondern auch solche, die er andere ausführen lässt. Außerdem gelten auch solche Handlungen, deren Ausführung er oder sie nur zustimmt. Die Aufforderung oder Zustimmung eines Schreibtischtäters zu einem Verbrechen oder der Gehorsam eines Bürokraten würde das Gelübde der Gewaltlosigkeit brechen.

Jede dieser Handlungen [selbst ausgeführte, von anderen ausgeführte, oder gebilligte verletzende] kann wiederum in drei Arten auftreten. Durch Gier nach Haut und Fleisch (Töten eines Tieres); durch Zorn wie ‘dieser Mann hat mir Schaden zugefügt, deshalb kann ihm Schaden zugefügt werden‘, durch Verblendung wie beim Tieropfer für den Erwerb von Verdiensten. Gier, Wut und Täuschung können wiederum dreierlei Art sein – mild, gemäßigt und intensiv.”3

Dieser erweiterte Begriff indirekter Gewalt sollte auch alle unterlassenen Handlungen berücksichtigen, andere vor vermeidbarer Gefährdung zu schützen. Gewalt hat viele Formen und die Praxis der Gewaltlosigkeit sollte nicht hauptsächlich aus individualistischer Sicht betrachtet werden, sondern aus einer kosmopolitischen Perspektive der gegenseitigen Wechselbeziehung:

Selbst körperliche Gewalt gehört zu breiteren Strukturen rassistischer, geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt, und wenn wir uns auf den physischen Schlag auf Kosten der breiteren Struktur konzentrieren, laufen wir Gefahr, jene Arten der Gewalt, die sprachlich, emotional, institutionell oder wirtschaftlich sind, nicht zu berücksichtigen, – diejenigen, die das Leben dem Tod aussetzen, oder ihm zumindest schaden, die aber nicht die wörtliche Form eines Schlages annehmen. […] Wenn Bewässerungssysteme zerstört werden oder wenn die Bevölkerung Krankheiten, [Krieg und Armut] ausgesetzt ist, können diese nicht zu Recht als Gewalttätigkeiten verstanden werden?4

Hindernisse

Zur Herausforderungen wird die gewaltlose Haltung, wenn Emotionen wie Angst, Eifersucht, Neid oder Zorn im Spiel sind. In solchen Situationen die Gefühle und Gedanken wieder zu beruhigen, ohne dabei diese Emotionen zu unterdrücken, darin besteht die wahre Kunst von Ahimsa. Sie transformiert jeden, der sich auf diesen Prozess einlässt auf einer existenziellen Ebene und vertieft die Verbindung mit anderen.

Ethische Richtlinien

Die Intention, nicht zu verletzen, soll den yogischen Weg erleichtern. Patañjali führt diese Regelungen ein, indem er für jedes einzelne der Yama und Niyama wirbt. Einzeln führt er dem Yogi vor Augen, welch positive Auswirkungen diese Haltung auf sein Leben haben wird. Die Yama und Niyama sind ethische Richtlinien, nicht moralische Gebote wie sie in den heiligen Schriften der monotheistischen Religionen verkündet werden.

Patañjali wusste genau um die Schwierigkeit ihrer Umsetzung, und um die Sinnlosigkeit, sie zu ‘verbieten’. Denn die Yama Ahimsa, Satya, Asteya, Brahmacharya und Aparigraha richten sich gegen den stärksten Trieb des Menschen: den Selbsterhaltungstrieb (Abhinivesha).

Die Umwelt wird durch die ethischen Richtlinien der Yama vor den Auswirkungen eines hemmungslos ausgelebten aktiven oder passiven Egoismus geschützt. Die gewaltlose Haltung reduziert aber dadurch auch die negativen Folgen dieser egoistischen Handlungen auf das Leben des Praktizierenden.

Wahrhaftigkeit

Die Intention, nicht zu verletzen, sollte jedoch auch nicht mit einem übertriebenen Streben nach Harmonie verwechselt werden. Es geht nicht darum, jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Satya, die Wahrhaftigkeit, steht unter den Yamas nicht zufällig gleich an zweiter Stelle. Sutra 2.36: “Wenn Wahrhaftigkeit [Satya] erreicht ist, bekommen die Worte des Yogis die Kraft sich von selbst zu erfüllen.”5

Die Angst, jemanden zu verletzen, führt nicht selten dazu, dass man davor zurückschreckt, ihm/ihr eine unangenehme Wahrheit zuzumuten. Dies kann dazu führen, dass sich der andere verraten fühlt, wenn er oder sie lange Zeit in Unwissenheit gehalten wird.

Klarheit über die Intention

Die Fähigkeit zu haben, im Umgang mit anderen Menschen ehrlich zu sein, und gleichzeitig das Feingefühl zu besitzen, niemanden zu verletzen, erfordert eine innere Haltung von außergewöhnlicher Klarheit. Ein Mensch, der dies erreicht hat, macht keine Fehler, wenn er handelt.”6

Auf der anderen Seite wird oft ein als ‘Wahrheit’ getarnter Vorwurf mit der Intention ausgesprochen, zu verletzen. Etwa wenn es gar nicht mehr in der Macht des anderen steht, eine ausgeführte Handlung rückgängig zu machen. So ist das Verlangen nach einer ‘Entschuldigung’ oft ein subtiler Wunsch, den anderen in einer schwachen Position zu sehen.

Die Vergeltungsmentalität geht häufig mit einem Wunsch einher, die Gegenseite kriechen zu sehen. Die von mir sogenannte ‘transaktionale Vergebung’ fordert eine Aufführung von Reue und Erniedrigung, die selbst Abrechnungs-Funktion hat und so einen Typus der Vergeltung darstellen kann.”7

Yama und Niyama

Ein Leben in Übereinstimmung mit den Yama und Niyama reduziert nicht nur karmische Verstrickungen. Es führt auch zu einem emotionalen Gleichgewicht (Sattva) zwischen Tamas (der Trägheit) und Rajas (dem Getrieben-sein durch Leidenschaften). Vor allem die Niyama verdeutlichen dieses Ziel eines emotionalen Gleichgewichtes. Niyamas sind jene Regelungen, die das Verhältnis des Yogis zu sich selbst betreffen:

Saucha (Reinheit), Santosha (Zufriedenheit), Tapah (Disziplin), Svadyaya (das Studium des Selbst und der Yogaschriften), sowie Isvara Pranidhana (die Ehrfurcht gegenüber einem höheren Prinzip).

Reinheit

Sauca bezieht sich nicht nur auf den Körper und die Umwelt, sondern auch auf Gedanken und Intentionen. Oft sind es bestimmte Gedankenmuster, die immer wieder dieselben negativen Emotionen in uns auslösen. Diese störenden Denkmuster (Samskara) aufzulösen, kann ein notwendiger Schritt zum emotionalen Gleichgewicht (Sattva) sein.

Sutra 2.41: “Der Yogi, der Reinheit praktiziert, dessen Herz wird gereinigt. Dies führt zu mentaler Glückseligkeit, oder spontanen Gefühlen der Freude. Durch mentale Glückseligkeit entwickelt sich wiederum die Fähigkeit zur Ausrichtung auf einen Punkt [‘Ekagra], was zur Beherrschung der Sinne führt. Durch die Beherrschung der [Sinnes-] Organe entwickelt Buddhi [Intelligenz] das Vermögen, das Selbst zu realisieren. All dies wird durch Saucha [Reinheit] erreicht.”8

Zufriedenheit

Bescheidenheit oder das Reduzieren von Erwartungen wirkt Rajas entgegen. Es führt dazu, dass wir weniger stark auf die Zukunft ausgerichtet, und damit auch weniger getrieben und angespannt sind. Sutra 2.42: “Tiefe Zufriedenheit lässt uns grenzenloses Glück erfahren.”9

Disziplin

Tapah (die transformative Hitze oder Begeisterung), wirkt Tamas (der Trägheit) entgegen. Denn auch in der spirituellen Praxis gilt: nur wenn sie konsequent vollzogen wird, zeigt sie Wirkung. Dieses Prinzip der regelmäßigen Praxis wird im Yoga-SutraAbhyasa‘ (Übung) genannt. Es ist neben ‘Vairagya‘ (dem Nicht-anhaften an den Ergebnissen der Praxis), das wichtigste Prinzip der spirituellen Praxis (Sadhana).

Selbstbeobachtung

Svadhyaya lässt uns erkennen, wenn etwas in unserer Yoga-Praxis in eine falsche Richtung läuft. Sind wir zu rigoros und rücksichtslos gegen uns selbst? Sind wir zu ungeduldig? Wollen wir zu schnell unsere Ziele erreichen?

Sutra 2.44: “Durch intensives Studieren und Suchen nach Weisheit entwickelt sich eine Verbindung zu höheren Kräften. Dadurch entsteht in uns tiefes Verstehen selbst von äußerst komplexen Dingen. […] Finden wir den richtigen Weg für unsere Suche nach Weisheit, so lernen wir, unsere Schwächen und Stärken klarer zu sehen und sie entsprechend zu vermindern oder zu verstärken. Das hat zur Folge, dass für unser Verstehen schließlich keine Grenzen mehr gibt.”10

Die eigenen Grenzen kennen

Bestimmte, hochwirksame Techniken können heftige Emotionen auslösen, wenn wir nicht gut genug darauf vorbereitet sind. Deshalb ist es so wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen, und richtig einschätzen zu können, wo man sich gerade befindet. Brauchen wir die Anleitung eines erfahrenen Yogis, eines spirituellen Meisters, der uns durch seine Erfahrungen in unserer Praxis leiten und vor Gefahren warnen kann? Auch das Studium der Yoga-Schriften kann als Korrektiv unserer Haltung uns selbst und anderen gegenüber wirken.

Hingabe an ein höheres Prinzip

Ishvara Pranidhana führt schließlich, folgt man Patañjali (Sutra 2.45), direkt zu Samadhi. “Andere Yamas und Niyamas lässt uns Samadhi durch andere Mittel erreichen, aber Ishvara Pranidhana (die Hingabe an Gott) führt direkt zu Samadhi, da es eine Form der Kontemplation ist, die Samadhi beschleunigt. […] Die Hingabe aller Gedanken an Gott bedeutet, mental mit Gott zu verschmelzen.”11

Sattva, das durch die Niyamas hergestellte, emotionale Gleichgewicht, ist die Voraussetzung für die mentale Bereitschaft, die höheren Glieder des Yoga zu praktizieren:

Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation) und Samadhi (tiefe Versenkung in den Gegenstand der Erkenntnis), um schließlich jede mentale Bewegung willentlich zum Stillstand zu bringen.

Konflikt der Yama

In bestimmten Situationen muss individuell entschieden werden, welchem Yama gerade Vorrang gegeben werden soll:

Ahimsa, Satya (der Wahrhaftigkeit), Asteya (der Abwesenheit von Neid), Brahmacharya (dem verantwortungsvollen Umgang mit der sexuellen Energie), Aparigraha (der Unbestechlichkeit oder Abwesenheit von Gier). Wieder versucht Patañjali dem Yogi die Yama durch ihre positiven Wirkungen nahe zuführen.

Aparigraha (Sutra 2.37): “Jemand, der sich auf das beschränken kann, was er braucht und was ihm zusteht, fühlt sich sicher. Ein solcher Mensch findet Zeit zum Nachdenken, und er wird ein vollkommenes Verständnis von sich selbst gewinnen.”12

Asteya / Nicht-stehlen oder die gönnende Haltung (Sutra 2.37): “Wenn ein Mensch nichts begehrt, was anderen gehört, werden andere Menschen alles mit ihm teilen wollen, wie kostbar es auch immer sein mag.”13

Entscheidung

Sutra 2.33 gibt einen Hinweis darauf, wie Yogis mit Hindernissen auf ihrem Weg zur Umsetzung der Yama umgehen können: “Wenn wir in einen Konflikt darüber geraten, wie wir uns [in einer bestimmten Situation] verhalten sollen, kann es hilfreich sein, uns verschiedene andere Lösungswege vorzustellen und über die jeweils zu erwartenden Auswirkungen dieser Lösungsmöglichkeiten nachzudenken.”14

Die Ahimsa-Haltung erfordert nicht nur die Entwicklung einer Sensibilität für die Verletzlichkeit anderer Lebewesen. Sie setzt auch Kreativität oder ‘Möglichkeitssinn‘ voraus.15

Da wir jedoch nie genau wissen können, wodurch sich andere verletzt fühlen, zählt letztlich immer die Intention, nicht zu verletzen. Die Intuition und das Gespür für die Bedürfnisse anderer stellen sich mit dieser wohlwollenden und einfühlenden Intention von selbst ein.

Dynamisches Mitgefühl

Der Autor Nathaniel Altman weist in seinem Buch über Ahimsa darauf hin, dass Ahimsa keine passive Haltung ist. Vielmehr setzt sie eine Sensibilität für die Verletzbarkeit anderer voraus, die aus dem Gefühl der Verbundenheit im Lebendig-Sein entsteht. Altmann nennt diese Haltung ‘dynamisches Mitgefühl‘.

Da die wahre Wirkung des Mitgefühls in direktem Verhältnis zu unserer zugrunde liegenden Absicht steht, es zu paktieren, müssen wir hinsichtlich unserer Motivationen sehr ehrlich mit uns selbst sein […]. Dynamisches Mitgefühl ist in unserem täglichen Leben bei weitem am besten anwendbar und bietet daher das größte Spektrum an kreativem Ausdruck. Dynamisches Mitgefühl ruft nicht nur dazu auf, auf Himsa‘ zu verzichten […], sondern ruft uns auf, unter allen Umständen liebevolle, heilende und verbindende Handlungen zu entfalten.16

Ahimsa ist mehr als das Unterlassen von verletzenden Intentionen. Auch Marshall B. Rosenberg spricht davon, dass es Einfühlung erfordert, um überhaupt spüren zu können, was der andere ‘in seiner/ihrer Lebendigkeit’ gerade braucht. Einfühlung bedingt wiederum, mit der/dem anderen – von Angesicht zu Angesicht – präsent sein zu können. Es setzt genau jenen mentalen Zustand voraus, den wir im achtgliedrigen Yoga-Pfad anstreben: Das zur Ruhe bringen der mentalen Bewegungen, der Gedanken.

Wenn wir Einfühlung geben, dann geht es darum, einfach ganz und gar präsent zu sein, im Moment zu sein. Das heißt auch, die Gedanken zum Stillstand zu bringen, denn wenn wir ganz und gar präsent sind, bringen wir nichts aus der Vergangenheit mit in diesen Moment. […] Alles was aus der Vergangenheit in den Moment gebracht wird, blockiert die Empathie. […] Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich noch mit der Energie, die durch die andere Person fließt verbunden bin, dann sage ich ihr, welche Gefühle und Bedürfnisse ich höre. Und die andere Person hat dann die Möglichkeit, mich zu korrigieren, wenn in ihr etwas anderes vorgeht, und so stellen wir die Verbindung wieder her.”17

Autorin: Eva Pudill

>LITERATUR

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